KAPITEL 2.1

Lokale Wertschöpfung und innerstädtischer Handel

Handel und Stadt haben seit Jahrhunderten eine erfolgreiche Verbindung. Der Handel war dabei häufig Ausgangspunkt für die Gründung und den Aufstieg einer Stadt. Denn aus diesen ersten Marktplätzen entwickelten sich nach und nach unsere heutigen Metropolen, Mittel- sowie Kleinstädte.

Durch den Handel werden auch heute noch öffentliche Räume in Städten belebt. Einkaufsmöglichkeiten und Erlebnisse erzeugen Kundenströme, von denen auch weitere Wirtschaftszweige, wie die Gastronomie und kulturelle Einrichtungen, profitieren [13]. Auch für lokale Betriebe sind zentrale Lagen aufgrund der Nähe und der Vernetzungsmöglichkeit mit Zulieferfirmen sehr attraktiv. In dieser lokalen Wertschöpfung kann die urbane Produktion einen wesentlichen Bestandteil einnehmen. Außerdem kann das Potenzial einer selbstsuffizienten lokalen Kreislaufwirtschaft entstehen, wodurch soziale und ökologische Probleme angegangen werden können [14].

Digitalisierung des stationären Einzelhandels

Viele Einzelhandelsunternehmen haben sich bereits im digitalen Bereich weiterentwickelt. Jedes zweite Einzelhandelsunternehmen in Deutschland betreibt einen Online-Vertriebskanal, um Waren und Dienstleistungen auch im Internet anbieten zu können [15]. Das zeigt zwar, dass digitale Vertriebskanäle auch im traditionellen Einzelhandel angekommen sind, macht aber in gleichem Maße deutlich, dass hier noch großes Potenzial besteht. Der Einsatz von digitalen Technologien und die Bereitstellung von digitalen Services für die Kundinnen und Kunden ist noch weitgehend am Anfang [16]. Kommunen und städtische Wirtschaftsförderungen können den ansässigen Handel und insbesondere auch kleinere Geschäfte systematisch unterstützen, indem sie Angebote in Online-Portalen und digitalen Marktplätzen (z. B. als App) bündeln, präsentieren und vermarkten. Auch Veranstaltungen und Verkaufsaktionen können so gemeinsam beworben werden. Auf diese Weise unterstützt beispielsweise das Einkaufs- und Erlebnisportal LiKE-Lippstadt den innerstädtischen Einzelhandel. Die geschickte Kombination von digitalen Angeboten und physischen Standorten kann ein vielversprechendes Modell darstellen. Hybrid-Shopping-Funktionen in Kombination mit Workshops für Einzelhändler zum Thema Digitalisierung werden im Projekt Hybrider Einzelhandel Aachen erprobt. Hybrid bedeutet in diesem Zusammenhang die Verschmelzung von Online- und Offline-Angeboten. Der Einzelhandel vor Ort soll somit durch digitale Funktionen aufgewertet werden.

Aufwertung des stationären Einzelhandels

Unterschiedliche Handelsunternehmen mit ihren festen Standorten bilden den stationären Einzelhandel einer Stadt. Während sich das komplementäre Zusammenspiel zwischen E-Commerce und stationärem Handel als erfolgsversprechend erweisen kann, können bestehende Geschäfte und Vertriebsstandorte auch durch neue Konzepte an Attraktivität und Perspektive gewinnen. Der wesentliche Erfolgsfaktor hierfür ist ein konsequenter „Consumer first„-Ansatz, der dem stationären Handel die notwendigen Alleinstellungsmerkmale bescheren kann. [17]

Die Herausforderungen liegen aktuell in der Entwicklung, aber auch Implementierung solcher strategischen Erfolgskonzepte und in der Herbeiführung eines Kulturwandels, der zu mehr Dynamik und somit Neuheiten in der Branche führt. Die Corona-Pandemie treibt diesen Wandel enorm an. Diese Neuerungen können, wie im vorherigen Innovationsfeld, in Form von digitalen Lösungen in Kombination mit Nutzerendgeräten erfolgen oder analog durch die Aufwertung des Standorts und die Schaffung eines Einkaufserlebnisses. [18] Darüber hinaus stellen bürokratische Vorgaben wie Bauordnungen und unflexible Öffnungszeiten häufig eine Hürde für neue Konzepte dar. Ein für Kommunen attraktives Instrument stellt der Business Improvement District (BID) dar. Involvierte Einzelhandelsunternehmen und Grundstücksinhabende verpflichten sich, freiwillig wie die beispielhafte Umsetzung in Hamburg zeigt, gemeinsam Maßnahmen zur Aufwertung ihres Standorts umzusetzen. BIDs lassen sich räumlich klar abgrenzen und stellen eine verbindliche (auch finanzielle) Verpflichtung zur Beteiligung dar. Trittbrettfahrer, die von den Fortschritten im Quartier profitieren, sich aber nicht selbst engagieren, können somit ausgeschlossen werden. Engagement der freiwillig Aktiven zu einer Entlastung der Kommunen.

Wie Einkaufen auch zum Erlebnis werden kann, zeigt ein Blick auf gelungene internationale Projekte wie der UNIQLO Park in Yokohama. Dort befindet sich auf dem Dach des architektonisch ansprechenden Stores ein großzügig ausgelegter Spielplatz. Diese Art von Familienausflug befriedigt neben den Konsumwünschen der Erwachsenen auch das kindliche Bedürfnis nach Spaß und Spiel.

Regionale Wirtschaftskreisläufe durch urbane Produktion

Unter urbaner Produktion versteht man die Herstellung und Verarbeitung von Materialprodukten in dicht besiedelten Gebieten, in welchen lokale Ressourcen und lokal eingebettete Wertschöpfungsketten verwendet werden. Güter aus der urbanen Produktion können hierbei von medizintechnischen Geräten bis Schmuck und Textilien reichen. Die Potenziale der urbanen Produktion liegen in der Beschäftigung, (Weiter-)Bildung, Aufwertung des räumlichen Umfeldes und den dadurch gewonnen Steuereinnahmen. Derzeit existieren in einigen Großstädten Deutschlands bereits erfolgreich etablierte urbane Produktionsstätten [19].

Da urbane Industrie siedlungsnah stattfindet, liegt die Herausforderung darin, eine emissionsarme und ressourceneffiziente Produktions- und Transportweise der Unternehmenden sicherzustellen. So können Nutzungskonflikte zwischen Industrie und der unmittelbaren Nachbarschaft vermieden werden. Außerdem ist noch nicht abschließend geklärt, welche Rahmenbedingungen die Ansiedlung von urbaner Industrie und Produktion begünstigen. Erste Produktionskonzepte für eine emissionsfreie Kreislaufwirtschaft bieten bereits konkrete Lösungen für urbane Produktionsstätten an. Im Rahmen des Projekts Ultraeffizienzfabrik können sich Unternehmerinnen und Unternehmer beraten und in der Umsetzung begleiten lassen. Die kommunalen Voraussetzungen, um kleine urbane Manufakturen und Handwerksbetriebe anzulocken, werden im Reallabor-Projekt UrbaneProduktion.Ruhr erforscht.

Nahversorgung durch urbane Landwirtschaft

Bei der urbanen Landwirtschaft handelt es sich um professionelle, landwirtschaftliche und gartenbauliche Aktivitäten im städtischen Ballungsgebiet und in dessen unmittelbaren Umgebung. Sie ermöglichen eine unmittelbare Nähe von Wohngebieten, Einkaufsmöglichkeiten und Anbauflächen innerhalb einer heterogenen Stadtlandschaft [20]. Durch diese unmittelbare Nähe zwischen Verbraucherinnen und Verbrauchern und Absatzmärkten, können Lebensmittel schnell und mit reduzierten Lagerungszeiten zu den Endverbrauchenden gelangen [21].

Die damit verbundene Optimierung logistischer Vorgänge macht sich durch Kosteneinsparungen und Emissionsreduktionen bemerkbar. Auch der massive Einsatz von Chemikalien, welcher Druck auf Böden und Wasserressourcen ausübt, wird durch neue Anbautechnologien gesenkt [22]. Urbane Landwirtschaft ist vor allem mit dem Platzmangel in urbanen Zentren konfrontiert. In den zentralen Lagen der Stadt konkurriert Urban Farming mit anderen bereits lange etablierten Nutzungsformen um knappe Flächen. Um dem Platzmangel gerecht zu werden und den Pflanzen auch in der Stadt die bestmöglichen Wachstumsbedingungen zu bieten, sind innovative Technologien und kreative Anbauorte basisbildend.

In unterirdischen Infrastrukturen, wie beispielsweise ungenutzten (U-Bahn)-Tunneln oder Bunkern, kann Landwirtschaft mit entsprechender Beleuchtungs- und Bewässerungstechnik betrieben werden, ohne einen Flächenkonflikt mit anderen innerstädtischen Akteuren einzugehen. Das beweist beispielsweise die Gemüsefarm Growing Underground, die bereits seit einigen Jahren erfolgreich im Londoner Untergrund betrieben wird. Technikforschung und Umsetzungskonzepte für urbane Landwirtschaft auf Dächern vertreibt das Projekt inFARMING®. Das Verbundprojekt bündelt eine Vielzahl an Forschungsprojekten zum Thema urbane Landwirtschaft. Im Kern geht es darum, durch technische Innovationen Nahrungsmittel in der Stadt unter bestmöglichen Bedingungen (Bewässerung, Licht, etc.) zu erzeugen.