KAPITEL 3

Chancen für lebenswertere Städte

Während die Innovationsfelder aus Kapitel 2 illustrieren, wie sich Innenstädte in einzelnen Bereichen weiterentwickeln können, beschreiben die genannten Best-Practice-Projekte konkrete und ganz unterschiedliche Beispiele, wie dies gelingen kann.

Über die Innovationsfelder hinweg zeigen sich Chancen, um Innenstädte aus kommunaler, unternehmerischer oder zivilgesellschaftlicher Sicht zu gestalten. Diese sind insbesondere in Zeiten großer wirtschaftlicher Unsicherheit, wie bei den derzeit noch nicht vollständig absehbaren Folgen der Corona-Pandemie, von Bedeutung. Innenstädte können zukünftig neue Formen des Einzelhandels beherbergen (#1) und agile Nutzungsmöglichkeiten in öffentlichen Räumen eröffnen (#2). Sie stellen ein attraktives Schaufenster (#3) und eine Austauschplattform für Ideen (#4) dar, lassen sich mittels digitaler Lösungen sehr individuell erleben (#5) und sind ein lebendiges Symbol für den politischen Gestaltungswillen einer Stadt (#6). Die folgenden Chancen beschreiben demnach unterschiedliche Rollen, die städtische Zentren in Zukunft ausfüllen können.

NEUE VIELFALT: Vielversprechende Konzepte als Chance für die Innenstadt und den Handel

Schon heute finden sich in den deutschen Fußgängerzonen und Stadtzentren bei weitem nicht nur Einkaufs- und Shopping-Möglichkeiten, sondern auch zahlreiche weitere Angebote für Unterhaltung, Zeitvertreib und sozialen Austausch. Diese Entwicklung wird sich auch in Zukunft weiter fortsetzen und dazu führen, dass sich Teile des Einzelhandels in dieser Dynamik neu ausrichten werden. Eine Neupositionierung anhand einer noch stärkeren Serviceorientierung und neuen Kundenerlebnissen kann bestehende Retail-Konzepte stärken, aufwerten und Synergien mit anderen Bereichen aufzeigen. Insgesamt wirken sich diese neuen und mutigen Konzepte positiv auf die Attraktivität aus und somit auch auf alle innerstädtischen Akteure. Die Zukunft der Innenstädte wird mehr denn je von Innovatoren bestimmt, die Neues wagen, Bestehendes weiterdenken und dieses geschickt mit lokalen Gegebenheiten verknüpfen. Daher ist es von Relevanz, in Kommunen Innovation zu ermöglichen und zu fördern.

Zugehörige Innovationsfelder: Stationärer Einzelhandel, Stadt- marketing, Nutzungs-Konzepte

NEUE NUTZUNGSKONZEPTE UND AGILITÄT: Die Innenstadt mit einer vielfältigen, dynamischeren Nutzungsstruktur

Mit neuen Konzepten für den Handel wird auch die Frage nach noch unausgeschöpften räumlichen Potenzialen sowie nach weiteren Gestaltungsoptionen aufgeworfen, die über die klassische Nutzung hinausgehen. Ein Bedeutungsgewinn innerstädtischer Lagen kann durch die Herbeiführung von Vitalität und Multifunktionalität gelingen, bei gleichzeitiger Gewährleistung der Wirtschaftlichkeit. Digitale und agile Nutzungskonzepte können hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten und die Innenstädte dynamischer, flexibler und kreativer machen. Auch Inhabende von Flächen können sich hierdurch in die Stadtgestaltung einbringen. Hierfür können digitale Plattformen dienlich sein, um die Nutzungsdynamik der Stadt zu ermöglichen. Shquared und Shopunits1 sind Beispiele für Plattformen, die bereits heute Flächen effizient und kreativ unterschiedlichen Nutzungen zuführen und dabei die Eigentümerinnen und Eigentümer mit potenziellen Nutzerinnen und Nutzern verbinden.

Zugehörige Innovationsfelder: (Digitaler) stationärer Einzelhandel

NEUES ERPROBEN UND ERLEBEN: Die Innenstadt als Showcase für Innovation

Die zahlreichen Interessen und Bedarfe, die in städtischen Zentren aufeinandertreffen, haben schon in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass Innenstädte Ausgangspunkt vieler Erfindungen und gesellschaftlicher Entwicklungssprünge waren. Damit dies auch in Zukunft der Fall sein kann, müssen kommunale Verwaltungen die passenden Rahmenbedingungen schaffen, um Innovationen zu ermöglichen. Davon profitieren die Bürgerinnen und Bürger, aber auch weitere innerstädtische Akteure. Die Innenstadt als Innovationslabor, beispielsweise für neue Konzepte der Nahversorgung (z.B. Ur- ban Farming), der Fortbewegung (z.B. Mikromobilitäts-Angebote, Fahrradschnellstraßen) oder temporären Veränderungen in der Infrastruktur (Stadtmobiliar, Grünflächen), wecken Interesse und prägen ein Alleinstellungsmerkmal.

Zugehörige Innovationsfelder: Urbane Industrie, Urbane Landwirtschaft, Innovation der Innenstadtlogistik, Neue urbane Mobilitätskonzepte

NEUE VERNETZUNG UND KOOPERATION: Die Innenstadt als vielseitige Plattform

Innenstädte sind die kulturellen und politischen Zentren einer Stadt. Denn neben dem Verweilen, Einkaufen und Flanieren werden sie als Plattform für eben jene Zwecke genutzt. Städtische Räume und die Innenstadt bieten aufgrund ihrer prominenten Lage und der hohen Frequentierung eine Bühne, um sich beispielsweise für persönliche Überzeugungen stark zu machen, eigene Interessen auszuleben oder persönlichen Leidenschaften nachzukommen. Die Innenstadt kann als Ort des offenen Austauschs verstanden werden. Hier versammeln sich Menschen, treten in einen Diskurs miteinander und bieten einander eine Plattform. Die Bedeutung der Innenstadt für das politische Zusammentreffen und den Informationsaustausch wird trotz digitaler Möglichkeiten weiterhin ein wichtiger Teil der Gesellschaft bleiben und erfordert daher eine leichte Zugänglichkeit sowie transparente Informationen. Die kulturelle und soziale Bedeutung kann durch die feste Verankerung von kulturellen Angeboten und Institutionen im öffentlichen Raum sowie durch die Kooperation mit Vereinen und Initiativen gestärkt werden.

Zugehörige Innovationsfelder: Stadtmarketing, Nutzungs-Konzepte, Kreativwirtschaft

NEUE PERSPEKTIVEN UND ERKENNTNISSE: Die Innenstadt als digitaler Informations- und Erlebnisraum

Die Digitalisierung verändert gewohnte Strukturen und Arbeitsfelder. Das gilt auch für Innenstädte. Ein Blick in die Innovationsfelder macht jedoch deutlich: Die Digitalisierung sollte nicht als Problem, sondern als Instrument für die Stadtentwicklung gesehen werden. Denn neben digitalen Plattformen als Mittel für eine zusätzliche Attraktivierung und Streuung von Einkaufs-, Kultur- und Unterhaltungsangeboten können digitale Lösungen auch für gesellschaftliche Beteiligungsprozesse eingesetzt werden. Die Bürgerinnen und Bürger können somit unkompliziert über Vorhaben und Projekte informiert und an einem Entscheidungsprozess beteiligt werden. Mit einer weiteren Verbreitung von Augmented-Reality-Applikationen und -Geräten in naher Zukunft wird der öffentliche Raum nach und nach durch den digitalen Raum ergänzt. Ein Aufenthalt in der Innenstadt kann durch zusätzliche Informationen und Erlebnisse digital ergänzt und individualisiert werden.

Zugehörige Innovationsfelder: Digitalisierung Einzelhandel, Stadtmarketing

NEUER BLICK AUF KOMMUNALE INNOVATIONSFÄHIGKEIT: Die Innenstadt als Testimonial für kommunale Gestaltungskraft und Weitsicht

Von einem vorausschauenden Umgang mit möglichen Auswirkungen des Klimawandels bis hin zur Sicherung der wirtschaftlichen Standortattraktivität in einem zunehmend globalen Kontext: Kommunale Aufgabenträger sind inzwischen mit weit mehr betraut als dem Verwalten von Bestehendem. Insbesondere von außen wirkt inzwischen ein starker Veränderungsdruck auf Kommunen, die sich daher mehr und mehr in einer begleitenden Rolle von Transformations- und Veränderungsprozessen wiederfinden. Die Vitalität und Prosperität einer Innenstadt stellt in diesem Zusammenhang einen wichtigen und vor allem sichtbaren Indikator dafür dar, wie sich städtische Behörden in dieser Rolle zurechtfinden. Eine funktionierende Innenstadt ist folglich das Resultat einer proaktiv handelnden Kommunalverwaltung sowie einer durchdachten und konsequent verfolgten Innovationspolitik. Dies setzt jedoch voraus, dass Kommunen über die strukturellen Voraussetzungen verfügen (finanziell, fachlich, regulatorisch), die eigenen Pläne in eine Umsetzung und Wirkung führen zu können.

Zugehörige Innovationsfelder: Innerstädtisches Wohnen, Urbane Landwirtschaft, Gastronomie