KAPITEL 2.3

Aufenthalt und Erlebnis

Von Städten geht schon immer eine hohe Anziehungskraft aus. Sie bieten Möglichkeiten für Menschen mit unterschiedlichsten Bedarfen und bieten ein breites Angebot in den Bereichen Freizeit, Kultur, Handel, Gastronomie, Leben, Wohnen und Arbeiten.

Insbesondere in den Innenstädten bündeln sich die Möglichkeiten und machen diese zu einem Ort der Inspiration, Erholung, Kommunikation und des Erlebnisses. Diese Angebote bestimmen die Aufenthaltsqualität und den Erlebnischarakter einer Stadt. Funktionierende Innenstädte zeichnen sich zudem durch Sicherheit, Sauberkeit, ansprechende Architektur, Grünflächen, zahlreiche Aufenthaltsmöglichkeiten sowie durch multifunktionale Nutzung von öffentlichen Räumen aus. Schon immer war der Handel ein Magnet für eine lebendige Stadt. Doch der Weg führt weg vom reinen Handel und hin zu Städten mit Erlebnischarakter [25].

Nutzungs-Konzepte zur Belebung der Innenstadt

Vitale Innenstädte haben eine wirtschaftliche Bedeutung und sind zentraler Teil des stadtgesellschaftlichen Zusammenlebens. Einzelhandel, Arbeit, Kultur und Gastronomie sind wesentliche Bestandteile einer belebten Innenstadt. In den letzten Jahren ist jedoch die Frequentierung der Innenstädte zurückgegangen. Durch die Schließung der Gastronomie, Hotels und kulturellen Einrichtungen während der Corona-Pandemie hat sich dieser Trend weiter verschärft. Beispielsweise war die Kundenfrequenz in deutschen Einkaufsstraßen im November 2019 noch um 44% höher als im November 2020 [6]. Die Menschen ziehen vermehrt die Bestellung von Waren im Internet vor oder wandern in die Metropolen ab, um ein umfangreicheres Angebot an Produkten, Gastronomie und Entertainment zu erleben. Dies führt zu einer geringeren Passantenfrequenz und einer höheren Leerstandsquote. Diesem Trend entgegenzuwirken, ist besonders für Klein- und Mittelstädte eine große Herausforderung. Gleichzeitig kann der Umstand jedoch auch als Chance aufgefasst werden, um durch eine kreative Neu-Nutzung von Leerstandsimmobilien Handwerk, Manufakturen, Wohnen, kleine Geschäfte und Kulturangebote in die Innenstadtzenten zurückzuholen (siehe Innovationsfeld „urbane Industrie„) [26].

Außerdem können temporäre Aktionen im Erlebnisraum Innenstadt kurzfristig und relativ kostengünstig umgesetzt werden. Zu den bekannten Lösungen zählen Pop-up-Bewegungsangebote. Die temporäre Nutzung von Verkehrsflächen oder Plätzen als beispielsweise Spielplatz oder Fitnessfläche zieht interessierte Menschen an, sorgt für Abwechslung und erhöht den Erlebnischarakter der Innenstadt. Auch eine langfristigere und technisch anspruchsvollere Lösung wurde bereits erfolgreich erprobt – Augmented Reality Navigation. Die kameragestützte Positionierungsmethode bietet zuverlässige Navigation im Außen- als auch Innenbereich. Solche Angebote sind innovativ und bieten den Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit eine Stadt selbstständig zu erkunden.

Schaffung innovativer und vielfältiger Gastronomieangebote

Gastronomische Betriebe haben einen festen Platz im städtischen Raum, insbesondere in den Bereichen von historischen Zentren und gründerzeitlichen Stadterweiterungen. Die Qualität einer Innenstadt gewinnt durch ein vielfältiges gastronomisches Angebot an Bedeutung [27]. Menschen schätzen eine kulinarische Vielfalt, angepasst an unterschiedliche Lebens- und Konsumstile. Durch diese Vielfalt wird die Aufenthaltsqualität von Städten aufgewertet, was zu einer Erhöhung der Besucherfrequenz von Innenstädten führt [28].

Aktuelle Herausforderungen der Gastronomie liegen im Wandel des Konsumverhaltens, der Digitalisierung und einer geringen finanziellen Absicherung. Auch der hohe Flächenbedarf und damit verbundene hohe Mietkosten in Innenstädten stellen für viele gastronomische Betriebe eine Hürde dar. Die Außengastronomie mit Sitzplätzen im Freien wird immer beliebter und ist in der aktuellen Situation der Pandemie so wichtig wie noch nie [29].

Flexibilität und temporäre Gastronomie-Konzepte sorgen für kulinarische Vielfalt und können dem erhöhten Flächenbedarf in den Innenstädten entgegenwirken. Im Rahmen der, für die Gastronomie einfach umsetzbaren, Pop-up-Straßenlokale wird den Inhaberinnen und Inhabern von Gaststätten gestattet, angrenzende Parkflächen oder nicht für Gastronomie nutzbare Flächen temporär zu beziehen, um etwa mehr Sitzplätze mit dem geforderten Mindestabstand anzubieten. Weiter können Verkehrsflächen für eine vorübergehende Nutzung gänzlich neuer (ggf. auch mobiler) Gastronomie-Angebote verfügbar gemacht werden, z.B. an regelmäßigen Aktionstagen oder zu ausgewählten Anlässen.

Individuelle urbane Räume durch Integration der Kreativwirtschaft

Die Kreativwirtschaft umfasst Kultur- und Kreativunternehmen, welche überwiegend erwerbswirtschaftlich orientiert agieren und sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und/oder medialen Verbreitung von kulturellen und kreativen Gütern und Dienstleistungen befassen. Sie bildet die Vereinigung von kulturellen und ökonomischen Vorgängen. Die Kreativwirtschaft und das damit einhergehende kulturelle Umfeld wird heute längst als entscheidender Standortfaktor bei der Ansiedlung von Unternehmen berücksichtigt und steigert die Attraktivität von Städten [30].

Doch ebenso wie andere Branchen steht auch die Kreativwirtschaft vor Herausforderungen – eine davon ist die Digitalisierung. Außerdem wird die sektoren- und politikfeldübergreifende Zusammenarbeit innerhalb dieser vielschichtigen Umgebung der Kreativwirtschaft in Zukunft eine große Rolle spielen [31]. Ein nachhaltiger Ansatz der Interaktion von Kreativschaffenden liegt in der Steigerung der Nutzungsintensität von Gewerbeflächen. Nach den Grundsätzen der Sharing Economy können Gewerbeflächen je nach Tageszeit oder Saison für unterschiedliche Nutzungen bezogen werden. Dieses Vorgehen reduziert Flächenkonflikte und Mietkosten. Um eine branchenübergreifende Zusammenarbeit zur Förderung der Kreativwirtschaft herbeizuführen, gewinnen entsprechende Communities und lokale Plattformen wie die Vienna Design Week stetig an Bedeutung. In Wien werden neben Design- und Kunstschaffenden auch Aktive aus der Stadtplanung und Soziologie dazu aufgerufen, gemeinsam Maßnahmen und Projekte zu entwickeln, die sich mit sozialraumorientierten Designlösungen auseinandersetzen. Dieses Vorgehen bietet ein hohes Partizipationspotenzial und entlas- tet Kommunen, da Branchenkenner selbst Lösungen entwickeln und umsetzen.